Zwischen Ideologie und Innovation

Roberto Hübner (Dissertationsprojekt)

Als „vorbildhafte Unterrichtskonzepte“[1] wurden die besten Pädagogischen Lesungen seit Anfang der 1960er Jahre zentral im Berliner Haus des Lehrers gesammelt und in der Weiterbildung eingesetzt. Daher ist zu vermuten, dass sie einerseits gezielt perspektivieren, um Erziehung und Bildung im sozialistischen Sinne voranzubringen, andererseits mikrostrukturell den Blick in DDR-Unterrichtspraxis erweitern. Wie sehr dieses Textformat den politisch-ideologischen Ansprüchen zu entsprechen hatte oder doch Freiräume, vor allem bei didaktisch-methodischen Fragen, zu nutzen imstande war, soll u.a. untersucht werden.[2] Dabei gilt es auch zu klären, inwieweit innovative didaktisch-methodische Praxiserkenntnisse noch heute von Interesse sein könnten.

Pädagogische Lesungen leisten, so klingt es in einer Verordnung von 1954 an,[3] eine theoretische sowie praktische Reflexion u.a. von Unterricht und stellen in der Weise „Best-Practice“-Erfahrungen[4] dar. Da sie selbst als schöpferische Arbeiten charakterisiert werden, erscheint der Begriff Schöpfertum von imminenter Bedeutung für innovatives Handeln zu sein.

In Anbetracht der kurz skizzierten Rahmenbedingungen richtet das Thema daher den Blick auf das Verhältnis von Ideologie und Innovation. Was unter beiden Begriffen in der DDR-Zeit verstanden worden zu sein schien, wird exemplarisch aus der zeitgenössischen Fachliteratur erschlossen. Zugleich wird anhand von Quellenmaterial des Berliner Bundesarchivs u.a. den Fragen nachgegangen, welche Funktionen Pädagogische Lesungen erfüllen sollten und wie sich dieses Phänomen entwickelte. Die Zwischenergebnisse sollen dann als Basis genutzt werden, um ausgewählte Pädagogische Lesungen für den Deutschunterricht zu untersuchen.

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[1] Gloy, Karolin: Zwischen Ideologie und Innovation. Die Pädagogischen Lesungen der ehemaligen DDR, Werkzeuge der Herrschaftsstabilisierung oder Instrumente zur Steigerung der Unterrichtsqualität?, als Online-Ressource: https://www.geschichte.uni-rostock.de/forschung/forschung/forschungsprojekte/die-paedagogischen-lesungen-der-ehemaligen-ddr/, letzter Zugriff: 17.7.18.

[2] Friedrich, Bodo (2006): Geschichte des Deutschunterrichts von 1945 bis 1989 (Teil 1). Unterricht nach Plan? Untersuchungen zur Schule in der SBZ/DDR: Peter Lang. Frankfurt am Main (Beiträge zur Geschichte des Deutschunterrichts, 58).

[3] Verordnung zur Verbesserung der Arbeit der allgemeinbildenden Schulen vom 4. März 1954 (§60): Beilage 8/1954 der Verfügungen und Mitteilungen des Ministeriums für Volksbildung, S. 1-13, hier: 12.

[4] Koch, Katja; Koebe, Kristina; von Brand, Tilman; Plessow, Oliver: Sozialistische Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Die Pädagogischen Lesungen als ungehobener Schatz zur Erforschung von Unterricht in der DDR. In: Schriftenreihe der Arbeitsstelle Pädagogische Lesungen an der Universität Rostock 1 (2019) 1, als Online-Ressource: http://www.pl.uni-rostock.de/schriftenreihe, 3.1.19, S. 16.